Gundremmingen - Protest beim Atomkraftwerk

Foto: Klaus Rederer

Etwa 750 Teilnehmer fordern das "Abschalten vor dem Gau". Dabei ging es nicht nur um das Erinnern an die Katastrophe von Tschernobyl vor 30 Jahren. Von Walter Kaiser, 25.04.2016 NUZ

Der Start war wenig verheißungsvoll. Vor 50 Jahren war Block A des Atomkraftwerkes Gundremmingen in Betrieb gegangen. Zehn Jahre, zwei tote Arbeiter und einen Totalschaden später musste der Reaktor schon wieder aufgegeben werden. Keinen Deut sicherer seien die noch laufenden Blöcke B und C sowie das atomare Zwischenlager in Gundremmingen, erklärten Sprecherinnen und Sprecher verschiedener Anti-Atom-Initiativen bei einer Protestkundgebung am Samstagnachmittag. Deshalb lautete ihre Forderung: schneller Ausstieg aus Atomkraft und Kohle, hin zu einer wirklichen Energiewende.

Reiner Erben und Claudia Roth                Foto: Klaus Rederer

An vier Jahrestage hatten die Organisatoren der Kundgebung in Sichtweite des Atomkraftwerkes erinnert: 50 Jahre Block A in Gundremmingen, 30 Jahre Atom-Katastrophe von Tschernobyl, zehn Jahre atomares Zwischenlager in Gundremmingen und fünf Jahre Atom-Katastrophe in Fukushima. "Abschalten vor dem Gau" hieß daher das Motto der Kundgebung. Die Polizei spricht von etwa 750 Teilnehmern, die bei Regenwetter nach Gundremmingen gekommen waren.

Bis heute werde den Menschen "die Mär von der sicheren und sauberen Atomkraft" aufgetischt, sagte Sebastian Schönauer, der stellvertretende Landesvorsitzende des Bund Naturschutz Bayern. Richtig sei vielmehr: "Das Elend muss endlich aufhören." Weder jetzt noch für kommende Generationen seien Atomkraftwerke und der Jahrtausende strahlende Atommüll zu verantworten.

Unter den Teilnehmern der Kundgebung war neben der heimischen Grünen-Bundestagsabgeordneten Ekin Deligöz auch Claudia Roth, die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Gundremmingen als eines "der größten und unsichersten Atomkraftwerke" Deutschlands müsse möglichst schnell abgeschaltet werden, erklärte sie gegenüber der Günzburger Zeitung. Und wenn sie lese, dass Terroristen womöglich über Anschlagspläne auf Atomkraftwerke verfügten, "dann kriege ich eine Gänsehaut". Angesichts der Terrorgefahr seien Atomkraftwerke ein doppeltes Sicherheitsrisiko.

Sylvia Kotting-Uhl      Foto: Klaus Rederer

Raimund Kamm, der Vorsitzende des Vereins "Forum gemeinsam gegen das Zwischenlager und für eine verantwortbare Energiepolitik", erklärte, das Atomkraftwerk Gundremmingen sei in vielerlei Hinsicht hochgradig unsicher. Etwa das Notkühlsystem und der Reaktordruckbehälter würden so heute nicht mehr genehmigt. Die mindestens ebenso große Gefahr bilde das atomare Zwischenlager beim Atomkraftwerk. Dort lagerten mehr als 40 Castor-Behälter. In jedem dieser Behälter befinde sich hoch radioaktiver Müll, der dem entspreche, was bei der Katastrophe von Tschernobyl an Radioaktivität freigesetzt worden sei. Zu allem Überfluss bremse die bayerische Landesregierung eine effektive Energiewende. Kamm: "Sind die alle verrückt geworden?"

Sylvia Kotting-Uhl, die atompolitische Sprecherin der Grünen, sagte, auch noch 30 Jahre nach dem Atom-Unglück lebten die Menschen rund um Tschernobyl in Angst und Unsicherheit - in Angst vor Krebs und in Sorge um genetische Defekte bei ihren Kindern und Enkeln. Wer wolle ein solches Risiko rund um Gundremmingen eingehen? Zumal da das hiesige AKW in den vergangenen vier Jahren mehr Störfälle gehabt habe als alle anderen deutschen Atomkraftwerke zusammen.

Kamm kündigte an, demnächst ein Gutachten vorzulegen, das die Unsicherheit des Gundremminger Zwischenlagers untermauere. Notfalls werde man gerichtlich versuchen, einen sichereren Neubau zu erzwingen.

Eike Halitzky, grüner Landessprecher in Bayern        Foto: Klaus Rederer

Musikalisch umrahmt wurde die von zahlreichen Verbänden organisierte Kundgebung von Thomas Wolf von der Mahnwache Gundremmingen, dem Münchner Liedermacher Christoph Weiherer und zwei Samba-Gruppen. Letztere führten die Demonstranten zu einem Sternmarsch an den Kreisverkehr vor dem Kernkraftwerk. Den hatte die mit einem beachtlichen Aufgebot an Beamten erschienene Polizei für den Durchgangsverkehr gesperrt. Die Bilanz der Polizeiinspektionen Burgau und Günzburg: Die Versammlung verlief absolut störungsfrei.