Müllverbrennung in Weißenhorn

SWP, 25.07.2012

Das ist nicht nur ein technisches, sondern auch ein emotionales Thema. Das zeigt die jüngste Diskussion über anstehende Änderungen der Anlage, die nebenbei Energie erzeugt.

Der SPD-Kreisrat Hermann Geiger ist zu alter Hochform aufgelaufen - als ob es darum ginge, wie in den späten 80er und frühen 90er Jahren die Müllverbrennung in Weißenhorn zu verhindern. In der gestrigen Sitzung des Werkausschusses des Kreistags wurden Vorentscheidungen getroffen zur Zukunft des Müllheizkraftwerks im Industriegebiet der Stadt Weißenhorn - und es wurden Ideen andiskutiert, wie dessen weiterer Betrieb einen höheren Beitrag zur Energieversorgung beitragen kann. Für die nahe Zukunft wurde ein kontrovers diskutiertes Thema aufgearbeitet: Die angestrebte Leistungserhöhung der Anlage - um den durchschnittlichen Müll-Durchsatz pro Stunde zu steigern. Bei einer Gegenstimme wurdebeschlossen, die Leistungserhöhung der Anlage zu beantragen - von 6,5 auf 7,5 Tonnen je Stunde im Jahresdurchschnitt und je Ofenlinie der Anlage.

Der Weg zu dem Beschluss war in der Diskussion nicht einfach. Bereits im Frühjahr hatte der Ausschuss das Thema zu entscheiden - und vertagt. Mehr Datenmaterial und vor allem mehr Erklärungen hatten die Kreisräte verlangt - allen voran Heinz Peter Ehrenberg (Bündnis 90/Die Grünen) kam mit den Messergebnissen nicht klar - er kam auf eine andere Durchsatzmenge als in den bisherigen Prüfberichten angegeben. Lege man eine Jahresmenge von etwas mehr als 100 000 Tonnen und die jährliche Betriebszeit zugrunde, kam Ehrenberg auch bisher schon auf 7,1 Tonnen an verarbeitetem Müll pro Stunde. In dem Bericht sind im Schnitt 6,5 Tonnen pro Stunde genannt."Müssen wir dann auch die Schadstoffmengen hochrechnen?", wollte der Kreisrat wissen und verlangte neue Messungen.

Diese hat der Abfallwirtschaftsbetrieb mit der Dekra unternommen und dargelegt:"Wir bewegen uns erfreulicherweise auch bei einer punktuellen Leistungserhöhung weit unter den Grenzwerten." Wichtig war Ehrenberg die Transparenz der Pläne, vor allem im Hinblick darauf, dass der Abfallwirtschaftsbetrieb eine Erhöhung der thermischen Leistung sowie der durchschnittlichen Durchsatzmenge beantragen will. Für Ehrenberg ist nach den Ausführungen des Emmissionsbeauftragten der Anlage Michael Weber klar:"Die Müllzusammensetzung hat sich dahingehend verändert, dass nicht mehr der gleiche Brennwert vorherrscht." Das heißt: Der Anteil des Hausmülls hat sich erhöht,"und dieser ist nicht sonderlich energiehaltig". Wer also vermeiden will, den Verbrennungsvorgang mitÖl im Gang zu halten, müsse die Durchsatzmenge erhöhen. Die neuerlichen Leistungsmessungen hätten gezeigt,"dass die Anlage durch solche Veränderungen nicht so leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen ist". Das habe er gesichert wissen wollen,"die Zweifel sind nun ausgeräumt", sagte Ehrenberg. Auch als Grüner könne er einräumen, mit der Anlage zufrieden zu sein -"zumal die Schadstoff-Konzentration weit unter den Grenzwerten anzusiedeln ist". Im Grunde arbeite man unter der Nachweisgrenze - was aus der Abluft an Dioxinen und anderen Schadstoffen gemessen wird, sei ein rechnerischer Wert und lasse sich kaum mehr stofflich darstellen, ergänzte der Ingenieur der Dekra als Prüffirma.

Dennoch handle es sich bei derÄnderung der Durchsatzmenge um eine Änderung der Festsetzungen der Planfeststellung und lasse sich nicht mit einem Hinweis auf eine Messkette durchsetzen, ergänzte Kreisrat Geiger (SPD)."Vor allem nicht vor dem Ausschuss und der Regierung von Schwaben." Werkleiter Thomas Moritz räumte ein, dass es sich um eine Änderung handle, die"zum Teil für die Planfeststellung relevant ist". Dennoch handle es sich hauptsächlich um eine Erhöhung der Flexibilität der Anlage auf Veränderung in der Müllpolitik der Kommunen und des Landes. Hausmüll sei nun einmal sehr energiearm -"und genau da kommen wir im Betrieb an unsere gesetzlichen Grenzen bezüglich der Durchsatzmenge", sagte Moritz. Kreisrat Hermann Geiger setzte schließlich mit Ehrenbergs Unterstützung durch, dass der Ausschuss nicht pauschal die Ergebnisse des Leistungsdiagramms als Grundlage für die Betriebsänderung beschließt, sondern Obergrenzen: 7,5 Tonnen pro Stunde und Ofenlinie im Jahresdurchschnitt. Und vor allem eine Obergrenze in der Gesamtjahresmenge, die in der Anlage verbrannt werden darf: 105 000 Tonnen im Jahr. Eine Gegenstimme gab es bei der Mengenbegrenzung: von Hermann Häußler (CSU). Dessen Kommentar:"Die letzte Mengenbegrenzung mussten die Landkreisbürger teuer über die Gebühren bezahlen."




Die Müllverbrennungsanlage in Weißenhorn produziert Wärme und Strom. Wie der Betrieb des Müllheizkraftwerks noch mehr Energie abwerfen kann, hat der Umwelt- und Werkausschuss gestern diskutiert. Die Basis ist ein Effizienz-Gutachten, das die Röhrs Process Technology GmbH erstellt hat. Das Ergebnis:Das Müllkraftwerk arbeitet gut - so gut, dass es als Verwertungsanlage eingestuft werden kann. Das heißt, dass nicht nur Haus- und Gewerbemüll dort entsorgt werden darf. Auch Abfall zu Verwertung darf gemäß dem Kreislaufwirtschaftsgesetz verbrannt werden. Dies sind Stoffe, aus denen grundsätzlich neue Produkte hergestellt werden könnten. Oder die verbrannt werden, um Energie zu erzeugen.

Im Kreislaufwirtschaftsgesetz heißt dies thermische Verwertung. Um dies tun zu dürfen, muss der Betreiber - im Kreis Neu-Ulm ist das der kreiseigene Abfallwirtschaftsbetrieb - Energieeffizienz nachweisen. Diesen Faktor (größer als 0,6) erreicht die Anlage ohne Probleme. Als ungünstig erachten die Gutachter jedoch das Verhältnis von exportierter und eigengenutzter Energie. Ein Wert größer als eins besagt, dass die Anlage einen größeren Anteil der erzeugten Energie exportiert als selbst verbraucht. Bei dieser Kennzahl kommt Weißenhorn auf einen Wert von 1,01. Der Durchschnittswert der von den Gutachtern untersuchtenKraft-Wärme erzeugenden Anlagen betrage 2,0 - das bedeutet, dass doppelt so viel Energie nach außen gegeben wird.

Auch in Weißenhorn ließe sich dieser Wert - auch nur mit der Stromerzeugung, bis sich Abnehmer für Fernwärme finden - mit Investitionskosten von zwei Millionen Euro erreichen. Diese würden sich binnen fünf Jahren amortisieren - und dann 470 000 Euro an Jahreseinnahmen bringen. Der Abfallwirtschaftsbetrieb wird dazu auf Grundlage des Gutachtens bis Herbst Vorschläge erarbeiten. Die Kreisräte sehen folgenden Haken: Um diesen hohen Wert zu erreichen, müsste man auf ein neues System für die Rauschgasreinigung umsteigen."Und das Thema ist, wie wir wissen, emotional besetzt", sagte Landrat Erich Josef Geßner. Auch wenn die Gutachter versichern, das neue System sei erprobt und erziele sogar eine bessere Reinigungswirkung.